fliegende Hörgeräte

Hörgeräte sind teuer und die Otoplastik, also das Ohrpassstück, das in den Hörgang hineingeschoben wird, ist zumindest bei Kindern meist aus Silikon gefertigt und fühlt sich an wie ein Nuggi (Schnuller). Das ist keine optimale Kombination für Kleinkinder und kann für die Eltern zur Nervenprobe werden.

Andrina und die Hörgeräte

Andrina hat ihre Hörgeräte im Alter von rund 5 Monaten bekommen. In der ersten Zeit akzeptierte Andrina die Hörgeräte problemlos. Als sie motorisch immer mehr Fortschritte machte und mit ihren Händchen plötzlich an die Ohren kam, hatte sie den Dreh aber rasch draussen und begann scheinbar systematisch, die Hörgeräte rauszunehmen - und auf den Boden fallen zu lassen. Wo sie gerade war, spielte keine Rolle: Zuhause, beim Spazieren im Kinderwagen, im Auto, im Garten oder im Einkaufswagen.

Oft haben wir aufgrund der Rückkopplung beim Herausnehmen die Hörgeräte pfeifen gehört und konnten so eingreifen, bevor die Hörgeräte verloren gingen oder zwischen Andrinas Zähnen landeten. Natürlich hat Andrina rasch gemerkt, dass Mama und Papa sofort angerannt kommen, wenn sie die Hörgeräte rausnimmt, und so trieb sie das Spielchen immer weiter, so dass wir schliesslich während Monaten bis über 40 Mal am Tag die Hörgeräte einsetzen mussten. Das war sehr mühsam - aber niemand wusste Rat.

Der Pädakustiker hat uns zwar Hörgeräte-Clips empfohlen, die wie Brillenbänder funktionieren und an denen die Hörgeräte über zwei Bändel mit einem Clip am Pullover befestigt werden können. Andrina aber hat sie nicht akzeptiert und immer so lange an den Hörgeräten gezogen, bis irgendwann Hörgeräte samt Clip auf dem Boden landeten. Ausserdem sind die Clips gerade für Kinder, die viel liegen, relativ unpraktisch, da der Clip im Liegen stören und der Bewegungsspielraum der Bändel stark eingeengt werden kann.

Eines Tages fanden wir endlich einen Artikel, in dem genau dieses Problem beschrieben und auch gleich ein Lösungsansatz mitgeliefert wurde: Da es für Andrina mittlerweile zum Spiel geworden war, uns durch das Herausnehmen der Hörgeräte zu sich zu locken, mussten wir genau an diesem Punkt ansetzen. Von nun an beobachteten wir Andrina aus der Ferne, wenn sie die Hörgeräte herausnahm. Nahm sie sie in den Mund, gingen wir zu ihr und nahmen die Hörgeräte kommentarlos weg. Warf sie sie auf den Boden, reagierten wir nicht sofort, sondern warteten einige Minuten und setzten die Hörgeräte dann kommentarlos wieder ein. Unsere Verhaltensänderung wirkte Wunder: Bereits nach zwei, drei Tagen hatte Andrina den Spass am Spiel verloren und nahm die Hörgeräte deutlich weniger oft aus den Ohren.

Auf die Farbe kommt es an

Nicht immer aber merkten wir sofort, dass Andrina ihre Hörgeräte rausnimmt und so sind wir des öfteren unsere Spazierwege oder die Einkaufstour in umgekehrter Richtung nochmals abgewandert, haben uns unter die Autositze gezwängt und auf dem Rasen nach den verhältnismässig kleinen Hörgeräten gesucht. Die Farbe der Hörgeräte war dafür alles andere als optimal: Zu Beginn wählten wir ein relativ unscheinbares grau-beiges Gehäuse, so dass die Hörgeräte am noch relativ haarlosen Kopf von Andrina nicht übermässig auffielen.

(Es stellte sich aber heraus, dass die Hörgeräte trotzdem jeder sehen konnte, und so bekamen wir denn auch öfter die Frage zu hören: "Mein Gott, das Kind hat ja Hörgeräte - ja hört es denn nicht gut???" Über die richtige Antwort auf diese Frage kann man streiten. Wir hatten verschiedene Antworten parat, etwa "Nein, nein, sie empfängt mit den Hörgeräten Signale aus dem All" oder "Das ist ein Radio, wir bespielen sie gerne mit klassischer Musik", beliessen es dann aber doch immer bei einem knappen "Ja, sie hört nicht gut". Offenbar sind Brillen für Babies und Kleinkinder in unserer Gesellschaft längst akzeptiert, bei Hörgeräten dauert es aber wohl noch eine Weile.)

Ein grau-beiges Hörgerätgehäuse ist aber zum Beispiel auf Asphalt oder Kies nicht leicht zu finden. Wir leisteten uns daher nach etwa drei Jahren ein neues Gehäuse in violett. Als Andrina fünf Jahre alt war, machten wir einen Ausflug nach Bregenz und es kam, wie es kommen musste: Irgendwann merkten wir, dass Andrina keine Hörgeräte mehr trug und sie auch nicht im Buggy lagen. Wir suchten rund eine Stunde nach den Hörgeräten und fanden tatsächlich eines wieder: Es lag am Strassenrand neben einer Baustelle. Da Andrina normalerweise immer beide Hörgeräte gleichzeitig rausnimmt, vermuten wir, dass das zweite von einem Baustellenfahrzeug überfahren worden ist. Es blieb jedenfalls unauffindbar und wir mussten ein neues beantragen. Seither trägt Andrina knallrote Hörgeräte - und an den Clip hat sie sich mittlerweile auch gewöhnt.